Die Schwellenwerte im Vergaberecht sind die entscheidenden Beträge, die bestimmen, welches Vergabeverfahren ein öffentlicher Auftraggeber anwenden muss. Für dich als Baumeister sind sie der Schlüssel zur Frage: Wird EU-weit ausgeschrieben oder nur national? Ist eine Direktvergabe möglich oder brauchst du ein formelles Verfahren?
Gerade bei der Baumeisterprüfung werden die Schwellenwerte gerne abgefragt. Und in der Praxis entscheidet die Kenntnis dieser Werte darüber, ob du überhaupt von einer Ausschreibung erfährst — oder ob der Auftrag an dir vorbeigeht. In diesem Beitrag bekommst du die komplette Übersicht (Stand 2026).
Was sind Schwellenwerte im Vergaberecht?
Schwellenwerte sind Betragsgrenze, die im BVergG 2018 und der zugehörigen Schwellenwertverordnung festgelegt werden. Sie unterteilen öffentliche Aufträge in zwei Hauptkategorien:
- Oberschwellenbereich (OSB): Auftragswerte oberhalb des EU-Schwellenwerts — EU-weite Bekanntmachung, strengere Verfahrensregeln, längere Fristen
- Unterschwellenbereich (USB): Auftragswerte unterhalb des EU-Schwellenwerts — österreichweite Bekanntmachung, vereinfachte Regeln
Alle Schwellenwerte beziehen sich auf den geschätzten Auftragswert ohne Umsatzsteuer (netto).
Welche Schwellenwerte gelten für Bauleistungen?
Für dich als Baumeister sind die Schwellenwerte für Bauleistungen am wichtigsten. Hier die komplette Tabelle:
| Vergabeverfahren | Schwellenwert |
|---|---|
| Offenes/Nicht offenes Verfahren mit EU-weiter Bekanntmachung | ab EUR 5.538.000 |
| Offenes/Nicht offenes Verfahren mit Bekanntmachung österreichweit | bis EUR 5.538.000 |
| Verhandlungsverfahren mit Bekanntmachung österreichweit | bis EUR 5.538.000 |
| Nicht offenes Verfahren ohne Bekanntmachung | bis EUR 300.000 |
| Direktvergabe mit vorheriger Bekanntmachung | bis EUR 500.000 |
| Direktvergabe (ohne Bekanntmachung) | bis EUR 50.000 |
Hinweis: Die Schwellenwerte-Verordnung hatte befristet bis 31.12.2025 erhöhte Werte vorgesehen: Nicht offenes Verfahren ohne Bekanntmachung bis EUR 1.000.000, Direktvergabe bis EUR 100.000. Nach Auslaufen der Verordnung gelten die regulären BVergG-Werte. [VERIFY: Prüfe den aktuellen Stand der Schwellenwerte-VO ab 2026.]
Wie sehen die Schwellenwerte für Liefer- und Dienstleistungen aus?
Dienstleistungsaufträge
| Vergabeverfahren | Schwellenwert |
|---|---|
| Offenes/Nicht offenes/Verhandlungsverfahren mit EU-weiter Bekanntmachung | ab EUR 221.000 |
| Offenes/Nicht offenes/Verhandlungsverfahren mit Bekanntmachung österreichweit | bis EUR 221.000 |
| Verhandlungsverfahren ohne Bekanntmachung mit einem Unternehmer (nur geistige DL) | bis EUR 110.500 |
| Direktvergabe mit vorheriger Bekanntmachung | bis EUR 130.000 |
| Direktvergabe | bis EUR 50.000 |
Für zentrale öffentliche Auftraggeber (Bundesministerien, BBG, BRZ) liegt der EU-Schwellenwert bei EUR 143.000. Für Sektorenauftraggeber bei EUR 443.000.
Lieferaufträge
| Vergabeverfahren | Schwellenwert |
|---|---|
| Offenes/Nicht offenes/Verhandlungsverfahren mit EU-weiter Bekanntmachung | ab EUR 221.000 |
| Offenes/Nicht offenes/Verhandlungsverfahren mit Bekanntmachung österreichweit | bis EUR 221.000 |
| Direktvergabe mit vorheriger Bekanntmachung | bis EUR 130.000 |
| Direktvergabe | bis EUR 50.000 |
Was hat sich durch die Schwellenwerte-Verordnung geändert?
Die Schwellenwerte-Verordnung war eine befristete Regelung (ursprünglich bis 30.6.2023, mehrfach verlängert bis 31.12.2025), die die Schwellenwerte für bestimmte Vergabeverfahren vorübergehend angehoben hat.
Die wichtigsten Änderungen bei Bauleistungen
| Verfahren | BVergG-Regelwert | Befristeter Wert (bis 31.12.2025) |
|---|---|---|
| Nicht offenes Verfahren ohne Bekanntmachung | EUR 300.000 | EUR 1.000.000 |
| Verhandlungsverfahren ohne Bekanntmachung | — | EUR 100.000 |
| Direktvergabe | EUR 50.000 | EUR 100.000 |
Diese erhöhten Werte waren als Maßnahme zur Beschleunigung öffentlicher Vergaben gedacht — insbesondere um kleinere Bauvorhaben schneller abwickeln zu können.
Praxisbeispiel: Eine Gemeinde will eine Straßensanierung um EUR 80.000 vergeben. Unter der befristeten Schwellenwerte-VO (bis 31.12.2025) konnte sie das per Direktvergabe erledigen — schnell und unbürokratisch. Nach Auslaufen der VO muss sie dafür zumindest eine Direktvergabe mit vorheriger Bekanntmachung durchführen.
Die Schwellenwerte haben direkte Auswirkungen auf die Dauer und die Kosten eines Vergabeverfahrens — sowohl für den Auftraggeber als auch für dich als Bieter. Eine einfache Direktvergabe kann innerhalb weniger Tage abgewickelt werden, während ein offenes Verfahren im Unterschwellenbereich mindestens 20 Tage Angebotsfrist plus Prüfungszeit und Stillhaltefrist erfordert. Im Oberschwellenbereich sind es sogar 35 Tage Mindestfrist. Für dich bedeutet das: Je höher der Auftragswert und damit das erforderliche Vergabeverfahren, desto mehr Zeit und Aufwand musst du in die Angebotsbearbeitung investieren. Die Kenntnis der Schwellenwerte hilft dir, den Aufwand für die Angebotserstellung realistisch einzuschätzen.
Wie wird der geschätzte Auftragswert berechnet?
Der geschätzte Auftragswert ist die Grundlage für die Zuordnung zum richtigen Verfahren. § 13 BVergG legt die Regeln fest:
- Nettowert: Immer ohne Umsatzsteuer
- Gesamtwert: Bei einem Bauvorhaben in mehreren Abschnitten zählt der Gesamtwert aller Abschnitte
- Einbeziehung aller Leistungen: Auch der Wert von Waren und Dienstleistungen, die der Auftraggeber dem Auftragnehmer zur Verfügung stellt, ist einzubeziehen
- Kein Splitting: Die Berechnungsmethode darf nicht darauf abzielen, das BVergG zu umgehen
Die Losregelung bei Bauaufträgen (§ 14 Abs. 3 BVergG)
Besonders prüfungsrelevant ist die Losregelung: Wenn der kumulierte Wert aller Lose den EU-Schwellenwert (EUR 5.538.000) erreicht oder überschreitet, gelten generell die OSB-Bestimmungen für alle Lose. Ausnahme: Einzelne Lose unter EUR 1 Million können nach USB-Regeln vergeben werden, sofern der kumulierte Wert dieser „kleinen“ Lose maximal 20 % des Gesamtwerts ausmacht.
Praxisbeispiel: Gesamtprojekt EUR 6.350.000 in sechs Losen. Rohbau (EUR 2,6 Mio.), Stahlbau (EUR 1,3 Mio.) und Zimmerer (EUR 1,1 Mio.) liegen jeweils über EUR 1 Mio. — für sie gelten OSB-Regeln. HKLS (EUR 900.000), Trockenbau (EUR 250.000) und Schlosser (EUR 200.000) liegen unter EUR 1 Mio. Ihr kumulierter Wert (EUR 1.350.000) beträgt rund 21 % des Gesamtwerts — knapp über 20 %. Damit müssten auch diese Lose nach OSB-Regeln vergeben werden.
Praxisbeispiel: Welches Verfahren ist anwendbar?
Stell dir vor, du willst dich auf eine öffentliche Ausschreibung bewerben. Hier drei typische Szenarien:
Szenario 1: Gemeindestraße sanieren — geschätzter Wert EUR 35.000 netto
– Unter EUR 50.000 –> Direktvergabe möglich (§ 35 BVergG)
– Die Gemeinde kann dich direkt beauftragen, ohne Ausschreibung
– Du musst trotzdem ein Angebot legen, aber es gibt kein formelles Vergabeverfahren
Szenario 2: Kindergartenneubau — geschätzter Wert EUR 2.800.000 netto
– Unter EUR 5.538.000 –> Unterschwellenbereich (USB)
– Vergabe durch offenes oder nicht offenes Verfahren mit österreichweiter Bekanntmachung
– Keine EU-weite Ausschreibung erforderlich
– Die Gemeinde kann auch ein nicht offenes Verfahren ohne Bekanntmachung wählen, wenn der Wert unter EUR 300.000 liegt — hier nicht der Fall
Szenario 3: Autobahntunnel — geschätzter Wert EUR 45.000.000 netto
– Über EUR 5.538.000 –> Oberschwellenbereich (OSB)
– EU-weite Bekanntmachung im Amtsblatt der EU (TED-Datenbank) erforderlich
– Strenge Verfahrensregeln, längere Fristen, elektronische Kommunikation
– Bieter aus allen EU-Mitgliedstaaten können sich bewerben
Das Wichtigste auf einen Blick
- EU-Schwellenwert Bauleistungen: EUR 5.538.000 (netto)
- Direktvergabe Bauleistungen: bis EUR 50.000 (regulär), bis EUR 500.000 mit vorheriger Bekanntmachung
- EU-Schwellenwert Dienstleistungen: EUR 221.000 (bzw. EUR 143.000 für zentrale AG, EUR 443.000 für Sektoren-AG)
- Alle Werte beziehen sich auf den geschätzten Auftragswert ohne USt
- Die Losregelung des § 14 Abs. 3 BVergG ist prüfungsrelevant — Lose unter EUR 1 Mio. können unter bestimmten Voraussetzungen im USB vergeben werden
- Die Schwellenwerte-VO hatte befristet bis 31.12.2025 erhöhte Werte vorgesehen
- Die korrekte Berechnung des geschätzten Auftragswerts (§ 13 BVergG) ist entscheidend für die Wahl des Verfahrens
- Kein Splitting erlaubt: Der Auftragswert darf nicht künstlich aufgeteilt werden, um Schwellenwerte zu umgehen
- Die Losregelung (§ 14 Abs. 3 BVergG) erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen die Vergabe einzelner Lose unter EUR 1 Mio. im USB, auch wenn das Gesamtprojekt im OSB liegt
- Achte bei der Prüfung darauf, ob die Angabe von Netto- oder Bruttowerten spricht — Schwellenwerte beziehen sich immer auf Nettowerte ohne USt
- Die EU-Schwellenwerte werden alle zwei Jahre per EU-Verordnung angepasst
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Häufig gestellte Fragen zu den Schwellenwerten
Was passiert, wenn der Auftragswert den EU-Schwellenwert überschreitet?
Überschreitet der geschätzte Auftragswert den EU-Schwellenwert (EUR 5.538.000 bei Bauleistungen), muss die Vergabe im Oberschwellenbereich mit EU-weiter Bekanntmachung erfolgen. Es gelten strengere Verfahrensregeln, längere Fristen und die Pflicht zur elektronischen Kommunikation.
Darf ein Auftrag aufgeteilt werden, um unter dem Schwellenwert zu bleiben?
Nein. Das BVergG verbietet ausdrücklich, einen Auftrag so aufzuteilen, dass die Schwellenwerte umgangen werden. Bei der Berechnung des geschätzten Auftragswerts ist immer der Gesamtwert des Bauvorhabens heranzuziehen — auch wenn es in Lose aufgeteilt wird.
Sind die befristeten Schwellenwerte der Schwellenwerte-VO noch gültig?
Die Schwellenwerte-Verordnung war bis 31.12.2025 befristet und sah erhöhte Werte vor (z. B. Direktvergabe Bau bis EUR 100.000 statt EUR 50.000, nicht offenes Verfahren ohne Bekanntmachung bis EUR 1.000.000 statt EUR 300.000). Nach Ablauf der Befristung gelten die regulären BVergG-Werte, sofern keine Verlängerung oder Neuregelung erfolgt ist.
Welcher Schwellenwert gilt, wenn ein Auftrag Bau- und Dienstleistungen umfasst?
Bei gemischten Aufträgen wird der Auftrag nach der Leistungsart vergeben, die den Hauptgegenstand darstellt. Überwiegt die Bauleistung wertmäßig, gilt der Schwellenwert für Bauaufträge (EUR 5.538.000). Überwiegt die Dienstleistung, gilt EUR 221.000.
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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.