Angebotskalkulation im Baugewerbe: Praxisbeispiel

Die Angebotskalkulation ist der entscheidende Schritt in der Preisermittlung: Hier bestimmst du den Angebotspreis, den du dem Auftraggeber präsentierst. Ein zu hoher Preis — kein Auftrag. Ein zu niedriger Preis — finanzielle Verluste. Die Angebotskalkulation ist deshalb eine der wichtigsten Fähigkeiten, die du als Baumeister brauchst.

In der Baumeisterprüfung bildet die Angebotskalkulation nach ÖNORM B 2061 einen zentralen Prüfungsbereich. Ich zeige dir in diesem Artikel den gesamten Ablauf anhand eines konkreten Praxisbeispiels.

Was ist eine Angebotskalkulation?

Die Angebotskalkulation ist die Stufe der Kalkulation, in der die Selbstkosten um den erwarteten Gewinn ergänzt und Umlagen sowie Spekulationen berücksichtigt werden. Das Ergebnis ist der Angebotspreis.

Im Kalkulationsprozess steht die Angebotskalkulation an dritter Stelle:

  1. Nullkalkulation (Vorkalkulation): Kostendeckende Ermittlung der Selbstkosten
  2. Angebotskalkulation: Ergänzung um Gewinn, Umlagen und Spekulationen
  3. Auftragskalkulation: Anpassung nach Verhandlungsergebnissen
  4. Arbeitskalkulation: Laufende Anpassung für das Baustellen-Controlling
  5. Nachkalkulation: Ermittlung der tatsächlichen Kosten nach Projektabschluss

Wie ist eine Angebotskalkulation nach ÖNORM B 2061 aufgebaut?

Die Angebotskalkulation basiert auf den Kalkulationsformblättern (K-Blättern) der ÖNORM B 2061. Der Ablauf ist systematisch:

Schritt 1: Mittellohnpreis ermitteln (K3-Blatt)

Im K3-Blatt werden die Personalkosten kalkuliert. Die wichtigsten Positionen:

  • Zeile 1-2: KV-Entgelt und Wochenarbeitszeit — z. B. gewichtetes KV-Entgelt 12,00 EUR/h bei 40 h kalkulierter Wochenarbeitszeit
  • Zeile 3-4: Unproduktive Zeiten — z. B. 10 % des gewichteten KV-Entgelts
  • Zeile 5: KV-Entgelt inkl. unproduktiver Zeiten
  • Zeile 6-9: Außerkollektivvertragliches Entgelt, Zulagen, Arbeitszeitüschläge, Aufwandsentschädigungen
  • Zeile 10: Abgabepflichtige Personalkosten (Summe Zeile 5 bis 9)
  • Zeile 12-14: Personalnebenkosten (DPNK, UPNK, WPNK)
  • Zeile 15-16: Personalkosten vor Zurechnungen + Personalgemeinkosten
  • Zeile 17-18: Umlagen (z. B. Baustellengemeinkosten)
  • Zeile 19: Personalkosten gesamt (= Mittellohnkosten)
  • Zeile 20: Gesamtzuschlag aus K2-Blatt
  • Zeile 21-22: Personalpreis gesamt (= Mittellohnpreis)

Schritt 2: Gesamtzuschlag ermitteln (K2-Blatt)

Das K2-Blatt erfasst die Zuschläge für:

  • Spalte D/E: Projektbezogene Zuschläge (z. B. Festpreiszuschlag)
  • Spalte G/H: Geschäftsgemeinkosten
  • Spalte J/K: Finanzierungskosten (Bauzinsen)
  • Spalte M/N: Wagnis
  • Spalte O/P: Gewinn
  • Spalte Q/R: Gesamtzuschlag in Prozent

Der Gesamtzuschlag kann je Zuschlagsträger (Personal, Material, Geräte, Fremdleistungen) unterschiedlich hoch ausfallen.

Schritt 3: Material-, Geräte- und Fremdleistungskosten (K4, K5, K6)

  • K4-Blatt: Materialkosten — Bezugspreis Lieferant + Transport + Abladen + Verlust/Schwund = Materialkosten + Gesamtzuschlag = Materialpreis
  • K6-Blatt: Gerätekosten — Abschreibung und Verzinsung (A+V) + Reparatur und Instandhaltung (R+I) = Gerätekosten + Gesamtzuschlag = Gerätepreis
  • K5-Blatt: Zusammengesetzte Preiskomponenten — z. B. Betonherstellung, Schalungspartien

Schritt 4: Einheitspreis ermitteln (K7-Blatt)

Im K7-Blatt werden alle Kostenarten je Leistungsposition zusammengeführt:

  • Lohn (aus K3) x Aufwandswert = Lohnanteil
  • Material (aus K4/K5) x Menge = Materialanteil
  • Geräte (aus K6/K5) x Einsatzzeit = Geräteanteil
  • Fremdleistungen = Fremdleistungsanteil

Die Summe ergibt die Herstellkosten je Einheit. Addiert man den Gesamtzuschlag (bei Kostenkalkulation), erhält man den Einheitspreis.

Praxisbeispiel: Angebotskalkulation Stahlbetonwand

Nehmen wir die Position „Schalung Stahlbetonwand herstellen, vorhalten und räumen“ für 500 m²:

Kalkulationsgrundlagen:
– Mittellohnpreis (aus K3): 76,98 EUR/h (inkl. Gesamtzuschlag)
– Aufwandswert Schalung: 0,5 h/m²
– Schalungsmaterial (aus K4): 8,50 EUR/m² (Materialpreis inkl. Zuschlag)
– Schalöl und Kleinmaterial: 1,50 EUR/m²

Ermittlung im K7-Blatt:

Kostenart Menge/EH Preis Lohn [EUR] Sonstiges [EUR]
Lohn (Schalung) 0,5 h/m² 76,98 EUR/h 38,49
Material (Schalungsplatten) 1 m²/m² 8,50 EUR/m² 8,50
Material (Schalöl etc.) 1 m²/m² 1,50 EUR/m² 1,50
  • Einheitspreis: 38,49 + 8,50 + 1,50 = 48,49 EUR/m²
  • Positionspreis: 48,49 x 500 m² = 24.245,00 EUR

Hinweis: In der Praxis kommen noch Gerätekosten (z. B. Kran für Schalungstransport) und ggf. Fremdleistungen dazu.

Ein entscheidender Punkt bei der Angebotskalkulation ist die Konsistenz zwischen den einzelnen K-Blättern. Der Mittellohnpreis im K3-Blatt muss auf denselben Grundannahmen basieren wie die Gesamtzuschläge im K2-Blatt. Wenn du im K2-Blatt beispielsweise Baustellengemeinkosten als Umlage ansetzt, dürfen diese im K7-Blatt nicht noch einmal als eigene Position erscheinen — sonst werden sie doppelt erfasst. Gerade bei der Baumeisterprüfung wird gerne getestet, ob du diese Zusammenhänge verstehst. Prüfe deshalb immer, dass die Umlagen im K3-Blatt und die Zuschläge im K2-Blatt ein schlüssiges Gesamtbild ergeben.

Erweitertes Praxisbeispiel: Vollständige Position mit allen Kostenarten

Ergänzen wir das Beispiel um eine zweite Position, um die Zusammenführung im K7-Blatt vollständig zu zeigen.

Position: „Ortbeton C25/30 liefern und einbauen“ für 200 m³

Kalkulationsgrundlagen:
– Mittellohnpreis (K3): 76,98 EUR/h
– Aufwandswert Betonieren: 0,8 h/m³
– Transportbeton C25/30 (K4): 152,87 EUR/m³ (Materialpreis inkl. Zuschlag)
– Innenrüttler (K6): 5,20 EUR/m³ (Gerätepreis inkl. Zuschlag)

Ermittlung im K7-Blatt:

Kostenart Menge/EH Preis Lohn [EUR] Sonstiges [EUR]
Lohn (Betonieren) 0,8 h/m³ 76,98 EUR/h 61,58
Material (Beton C25/30) 1,03 m³/m³ 152,87 EUR/m³ 157,46
Geräte (Innenrüttler) 1 m³/m³ 5,20 EUR/m³ 5,20
Einheitspreis 61,58 162,66

Einheitspreis gesamt: 224,24 EUR/m³
Positionspreis: 224,24 x 200 m³ = 44.848,00 EUR

Beachte den Faktor 1,03 beim Beton: Das sind 3 % Mehrverbrauch, die bereits im K4-Blatt als Verlust/Schwund kalkuliert wurden. In der Detailkalkulation darfst du diesen Zuschlag nicht noch einmal ansetzen — sonst wird der Mehrverbrauch doppelt berücksichtigt.

Welche Spekulationen sind bei der Angebotskalkulation üblich?

In der Praxis treten häufig folgende Spekulationsarten auf:

  • Massenentfall: Kalkulation mit der Erwartung, dass bestimmte Mengen nicht ausgeführt werden
  • Massenverschiebung: Verschiebung von Kosten zwischen Positionen
  • Vorfinanzierung: Berücksichtigung der Zahlungsströme
  • Preisanteilsverschiebung: Verschiebung zwischen Lohn- und Sonstigem Anteil

Diese Spekulationen sind betriebswirtschaftlich zulässig, müssen aber kalkulatorisch nachvollziehbar bleiben. Ein negativer Gewinnzuschlag (Verlust) ist gemäß ÖNORM B 2061 nicht zulässig.

Was passiert nach der Angebotskalkulation?

Nach der Abgabe des Angebots folgen weitere Kalkulationsstufen:

  • Auftragskalkulation: Verhandlungsergebnisse fließen ein, die Angebotskalkulation wird angepasst
  • Arbeitskalkulation (AK): Umlagen werden aufgelöst, Subunternehmerpreise einbezogen — die AK dient als Grundlage für das Baustellen-Controlling
  • Nachtragskalkulation: Für Zusatzangebote und Mehr-/Minderkostenforderungen
  • Nachkalkulation: Ermittlung der tatsächlichen Kosten und Leistungswerte für zukünftige Kalkulationen

Prüfungstipp: Für die Baumeisterprüfung solltest du alle Kalkulationsstufen aufzählen und ihre Funktion erklären können. Besonders wichtig ist der Zusammenhang zwischen Angebots- und Arbeitskalkulation.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Angebotskalkulation ergänzt die Selbstkosten um Gewinn, Umlagen und Spekulationen
  • Sie basiert auf den K-Blättern der ÖNORM B 2061 (K2 bis K7)
  • Der Ablauf: K3 (Personal) + K2 (Zuschläge) + K4/K5/K6 (Material/Geräte) = K7 (Einheitspreis)
  • Der Gesamtzuschlag (K2) umfasst Geschäftsgemeinkosten, Finanzierungskosten, Wagnis und Gewinn
  • Ein negativer Gewinnzuschlag ist nicht zulässig
  • Nach der Angebotsabgabe folgen Auftrags-, Arbeits-, Nachtrags- und Nachkalkulation
  • Spekulationen (Massenentfall, Vorfinanzierung etc.) sind zulässig, müssen aber nachvollziehbar sein

Das Angebotsmanagement: Von der Kalkulation zum Angebot

Die Angebotskalkulation ist nur ein Teil des Angebotsmanagements. Der vollständige Prozess umfasst:

  1. Interessensfeststellung: Analyse der Ausschreibung — passt das Projekt zu deinem Unternehmen? Hast du die Kapazitäten?
  2. Technische Bearbeitung: Prüfung der Pläne, des LV und der Baustellenbedingungen
  3. Kalkulation: Erstellung der K-Blätter und Preisermittlung
  4. Kaufmännische Prüfung: Geschäftsführung prüft Zuschläge, Wagnis und Gewinn
  5. Angebotslegung: Zusammenstellung des Angebots mit allen geforderten Unterlagen
  6. Nachbearbeitung: Angebotspräsentation, Aufklärungsgespräche

Für dich als Prüfungskandidat: Die Kenntnis des gesamten Kalkulationsprozesses — von der Nullkalkulation bis zur Nachkalkulation — ist ein zentrales Prüfungsthema. Vergiss dabei nicht die Arbeitskalkulation (AK), die als Grundlage für das Baustellen-Controlling dient und in der Praxis mindestens so wichtig ist wie die Angebotskalkulation selbst


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Weiterlesen: Baukalkulation nach ÖNORM: Schritt für Schritt mit Beispielen — Unser umfassender Guide zu diesem Thema.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Angebotskalkulation im Baugewerbe?

Die Angebotskalkulation ist die Kalkulationsstufe, in der die Selbstkosten eines Bauprojekts um den Gewinnaufschlag, Umlagen und eventuelle Spekulationen ergänzt werden, um den Angebotspreis zu ermitteln. Sie erfolgt nach ÖNORM B 2061 mithilfe der Kalkulationsformblätter K2 bis K7.

Welche K-Blätter brauche ich für eine Angebotskalkulation?

Für eine vollständige Angebotskalkulation nach ÖNORM B 2061 benötigst du: K2 (Gesamtzuschläge), K3 (Personalpreis/Mittellohnpreis), K4 (Materialpreise), K5 (zusammengesetzte Preiskomponenten), K6 (Gerätepreise) und K7 (Einheitspreis je Position).

Was ist der Unterschied zwischen Angebotskalkulation und Arbeitskalkulation?

Die Angebotskalkulation dient der Preisermittlung für das Angebot und enthält Umlagen und Spekulationen. Die Arbeitskalkulation basiert auf der Angebotskalkulation, löst aber die Umlagen auf und berücksichtigt aktuelle Erkenntnisse aus der Arbeitsvorbereitung. Sie dient als Grundlage für das Baustellen-Controlling.

Wie wird der Einheitspreis im K7-Blatt berechnet?

Im K7-Blatt werden für jede Leistungsposition die Kosten/Preise aus den K-Blättern zusammengeführt: Lohn (K3 x Aufwandswert) + Material (K4/K5 x Menge) + Geräte (K6/K5 x Einsatzzeit) + Fremdleistungen = Einheitspreis in EUR je Leistungseinheit.

Darf man in der Angebotskalkulation spekulieren?

Betriebswirtschaftliche Spekulationen wie Massenverschiebung, Vorfinanzierung oder Preisanteilsverschiebung sind zulässig, müssen aber kalkulatorisch nachvollziehbar bleiben. Ein negativer Gewinnzuschlag ist gemäß ÖNORM B 2061 nicht erlaubt.


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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.