Du hast kalkuliert, ein Angebot gelegt, den Auftrag bekommen — und jetzt? Woher weißt du, ob die Baustelle tatsächlich wirtschaftlich läuft? Genau hier kommen die Bauerfolgsrechnung und die Nachkalkulation ins Spiel. Sie sind die Instrumente, mit denen du den wirtschaftlichen Erfolg deiner Baustelle misst und für zukünftige Projekte lernst.
In der Baumeisterprüfung wird regelmäßig gefragt: Was versteht man unter Bauerfolgsrechnung? Was unter Nachkalkulation? Und wie hängt beides mit dem Baustellen-Controlling zusammen?
Was ist eine Bauerfolgsrechnung?
Die Bauerfolgsrechnung ist eine interne Erfolgsrechnung zur Ermittlung des Erfolgs der Kostenstelle Baustelle. Sie funktioniert durch die kontinuierliche Gegenüberstellung von Leistung (Erlösen) und Kosten.
Die wichtigsten Merkmale:
- Sie erfolgt üblicherweise monatlich oder quartalsweise
- Sie zeigt sowohl das Ergebnis der jeweiligen Periode als auch das kumulierte Ergebnis seit Projektbeginn
- Sie bezieht sich als Dokumentationsrechnung auf vergangene Zeiträume
- Ihre Aussagekraft hängt vom verbuchten Aufwand, den kalkulatorischen Zuschlägen und der Abgrenzung durch die Baustellenverantwortlichen ab
Drei Erkenntnisebenen im Bau-Controlling
Die Bauerfolgsrechnung ist Teil eines größeren Controlling-Systems:
- Nachkalkulation = vergangenheitsorientiert (Was ist passiert?)
- Begleitende Kontrolle (Revision) = gegenwartsorientiert (Wie stehen wir jetzt?)
- Controlling = zukunftsorientiert (Wohin steuern wir?)
Kontrolle ist die rückwirkende Methode zur Überprüfung der Zielerreichung (SOLL/IST-Vergleich), während Controlling sowohl Kontrolle als auch zukunftsgerichtete Steuerung umfasst.
Warum braucht die Bauerfolgsrechnung Abgrenzungen?
Da Buchhaltung und interne Verrechnung den Baustellenfortschritt zeitversetzt darstellen, sind Abgrenzungen der zugeordneten Buchungen erforderlich. Ohne Abgrenzung können Wertvergleiche fehlerhaft sein — etwa wenn Materialaufwand verbucht ist, das Material aber noch nicht verbaut wurde.
Es gibt vier Arten von Abgrenzungen:
Aktive Ertragsabgrenzung
Wird zum verbuchten Ertrag addiert. Betrifft bereits erbrachte, aber noch nicht verrechnete Leistungen. Gründe: Verzögerungen bei der Aufmaßermittlung, ausstehende Abstimmungen mit dem Auftraggeber, vertragliche Bedingungen.
Passive Ertragsabgrenzung
Reduziert den verbuchten Ertrag. Betrifft noch nicht erbrachte, aber bereits verrechnete Leistungen. Beispiel: Vorausverrechnete Leistungen über Anzahlungen, erwartete Abschläge wegen Qualitätsmängeln.
Aktive Aufwandsabgrenzung
Verringert den verbuchten Aufwand und wirkt somit positiv auf das Ergebnis. Beispiel: Materialien, die auf der Baustelle lagern, aber noch nicht in den Produktionsprozess eingeflossen sind.
Passive Aufwandsabgrenzung
Erhöht den verbuchten Aufwand und verschlechtert das Ergebnis. Betrifft bereits angefallene, aber in der Buchhaltung noch nicht verbuchte Aufwendungen. Dazu gehören auch zukünftige, nicht vergütete Aufwendungen wie Gewährleistungsarbeiten.
Merke: Aktive Abgrenzungen verbessern das Ergebnis, passive Abgrenzungen verschlechtern es. Eine zu positive Bewertung kann zu schwerwiegenden Folgen führen — etwa bei der Fehleinschätzung der Rentabilität.
In der Praxis ist die Qualität der Abgrenzung stark von der Zusammenarbeit zwischen Bauleiter und kaufmännischer Abteilung abhängig. Der Bauleiter kennt den tatsächlichen Baufortschritt und weiß, welche Leistungen bereits erbracht, aber noch nicht verrechnet wurden. Der Kaufmann sieht die Buchungen. Ohne regelmäßigen Austausch — idealerweise monatlich — entstehen verzerrte Ergebnisse, die im schlimmsten Fall dazu führen, dass eine defizitäre Baustelle lange nicht als solche erkannt wird. Deshalb gehört die Abgrenzungsbesprechung zu den wichtigsten Terminen im Baustellenalltag.
Wie wird der wirtschaftliche Erfolg einer Baustelle ermittelt?
Der wirtschaftliche Aufwand und Ertrag werden wie folgt berechnet:
Wirtschaftlicher Aufwand:
– Zugewiesener Aufwand (aus Buchhaltung und interner Verrechnung)
– minus aktive Aufwandsabgrenzung
– plus passive Aufwandsabgrenzung
– = wirtschaftlicher Aufwand
Wirtschaftlicher Ertrag:
– Zugewiesener Ertrag (aus Buchhaltung)
– plus aktive Ertragsabgrenzung
– minus passive Ertragsabgrenzung
– = wirtschaftlicher Ertrag
Wirtschaftliches Ergebnis:
– Wirtschaftlicher Ertrag minus wirtschaftlicher Aufwand = Bruttoergebnis
– Bruttoergebnis minus Zentralregie = Nettoergebnis
Das Nettoergebnis zeigt, wie profitabel die Baustelle tatsächlich ist.
Was ist die Nachkalkulation und wie funktioniert sie?
Die Nachkalkulation ist die letzte Stufe im Kalkulationsprozess. Hier werden die tatsächlich angefallenen Kosten, Aufwands- und Leistungswerte für das Bauvorhaben ermittelt und mit den kalkulierten Werten verglichen. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für zukünftige Kalkulationen.
Technische Nachkalkulation
In der technischen Nachkalkulation werden Mengen- und Leistungsansätze der Kalkulation mit dem tatsächlichen Ressourcenverbrauch verglichen:
- Lohnstunden: Kalkulierte vs. tatsächlich geleistete Stunden
- Geräteeinsatzstunden: Geplante vs. tatsächliche Einsatzzeiten
- Bau- und Hilfsmaterial: Kalkulierter vs. tatsächlicher Verbrauch
Ein Stundenvergleich kontrastiert die tatsächlich geleisteten Stunden (IST) aus den BAS-Aufzeichnungen des Poliers mit den erlösten Stunden aus der Arbeitskalkulation (SOLL). Bei BAS-Fehlstunden kann eine detaillierte Aufstellung nach Positionsnummern erfolgen, um die Ursache zu identifizieren.
Monetäre Nachkalkulation
Die monetäre Nachkalkulation stellt die Soll-Kosten (aus der Arbeitskalkulation) den Ist-Kosten gegenüber. Eine Plankostenrechnung bildet die Basis dafür. Bei höherer Automatisierung des Datenflusses nähert sich dieses Verfahren einer begleitenden Kontrolle an.
Was ist das Baustellen-Controlling?
Das Baustellen-Controlling ermöglicht die Analyse von Abweichungen des tatsächlichen Bauablaufs im Vergleich zur Arbeitskalkulation. Der SOLL/IST-Vergleich kann auf verschiedenen Detailstufen angewendet werden:
- Massen
- Stunden
- Termine
- Kosten
- Kostenarten
Für die Durchführung müssen folgende Unterlagen bereitgestellt werden:
- Bautagesberichte inkl. Stundenaufzeichnungen gemäß BAS-Vorgaben
- Interne Aufzeichnungen und Pläne
- Lieferscheine und Rechnungen von Subunternehmern
- Abrechnungsdokumente und Aufmaßblätter
- Rechnungen an den Auftraggeber
- Arbeitskalkulation
- Erträge und Aufwände aus der Buchhaltung
Praxisbeispiel: SOLL/IST-Vergleich Lohnstunden
Nehmen wir eine konkrete Baustelle als Beispiel:
Projekt: Wohnhausanlage, Rohbau
| Position | SOLL-Stunden (AK) | IST-Stunden (BAS) | Abweichung |
|---|---|---|---|
| Schalung Wände | 1.200 h | 1.350 h | +150 h (+12,5 %) |
| Schalung Decken | 800 h | 780 h | -20 h (-2,5 %) |
| Betonarbeiten | 600 h | 650 h | +50 h (+8,3 %) |
| Bewehrung | 400 h | 410 h | +10 h (+2,5 %) |
| Gesamt | 3.000 h | 3.190 h | +190 h (+6,3 %) |
Die Analyse zeigt: Die Wandschalung war der Haupttreiber der Überschreitung. Die Ursachen könnten sein: komplizierte Grundrissgeometrie, häufige Umschalvorgänge, oder zu optimistisch kalkulierte Aufwandswerte. Für zukünftige Projekte mit ähnlichen Randbedingungen sollte der Aufwandswert für Wandschalung angepasst werden.
Monetäre Auswirkung: Bei einem Mittellohnpreis von 72,00 EUR/h bedeuten die 190 Mehrstunden einen Mehraufwand von 13.680 EUR. Ob die Baustelle trotzdem wirtschaftlich ist, zeigt die Bauerfolgsrechnung in der Gesamtbetrachtung.
Prüfungstipp: In der Baumeisterprüfung wird häufig nach dem Unterschied zwischen Nachkalkulation und Controlling gefragt. Nachkalkulation ist vergangenheitsorientiert, Controlling ist zukunftsgerichtet und umfasst auch die Steuerung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Bauerfolgsrechnung ist die interne Erfolgsrechnung der Kostenstelle Baustelle (Leistung vs. Kosten)
- Sie erfolgt monatlich oder quartalsweise und zeigt Perioden- und kumuliertes Ergebnis
- Abgrenzungen (aktiv/passiv, Ertrag/Aufwand) korrigieren zeitversetzte Buchungen
- Wirtschaftliches Ergebnis = Wirtschaftlicher Ertrag minus Wirtschaftlicher Aufwand minus Zentralregie
- Die Nachkalkulation vergleicht kalkulierte mit tatsächlichen Werten (technisch und monetär)
- Das Baustellen-Controlling nutzt SOLL/IST-Vergleiche zur laufenden Steuerung
- Nachkalkulation = vergangenheitsorientiert, Controlling = zukunftsorientiert
Die Arbeitskalkulation als Bindeglied
Zwischen Angebotskalkulation und Nachkalkulation steht die Arbeitskalkulation (AK). Sie ist die laufende Anpassung der Angebotskalkulation und dient als SOLL-Grundlage für das Baustellen-Controlling.
In der Arbeitskalkulation werden:
– Umlagen aufgelöst, die in der Angebotskalkulation pauschal berücksichtigt wurden
– Spekulative Ansätze aufgelöst, da sie sich nicht zur Kontrolle eignen — es können keine Vorgabewerte aus Spekulationen gebildet werden
– Aktuelle Subunternehmerpreise einbezogen
– Kalkulationsirrtümer korrigiert
Die AK bildet damit die realistische Basis für den SOLL/IST-Vergleich. Ohne eine sauber erstellte Arbeitskalkulation ist ein wirksames Baustellen-Controlling nicht möglich.
Bei der Auflösung ist darauf zu achten, dass nicht mehr als der insgesamt kalkulierte Ressourceneinsatz in die Arbeitskalkulation übernommen wird. Die Summe der aufgelösten Positionen muss dem Gesamtwert der Angebotskalkulation entsprechen.
Die Arbeitskalkulation wird während der Bauausführung laufend aktualisiert, um neue Erkenntnisse — etwa veränderte Subunternehmerpreise oder angepasste Aufwandswerte — zu berücksichtigen. Sie ist damit das zentrale Steuerungsinstrument für den Bauleiter und bildet die Grundlage für regelmäßige Soll-Ist-Vergleiche auf der Baustelle
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Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter Bauerfolgsrechnung?
Die Bauerfolgsrechnung ist eine interne Erfolgsrechnung zur Ermittlung des wirtschaftlichen Erfolgs einer Baustelle. Sie stellt Leistung (Erlöse) den Kosten gegenüber, erfolgt üblicherweise monatlich oder quartalsweise und berücksichtigt Abgrenzungen für zeitversetzte Buchungen.
Was ist der Unterschied zwischen Nachkalkulation und Controlling?
Die Nachkalkulation ist vergangenheitsorientiert und ermittelt die tatsächlich angefallenen Kosten und Leistungswerte nach Abschluss eines Projekts. Das Controlling ist zukunftsorientiert und umfasst neben der Kontrolle (SOLL/IST-Vergleich) auch die aktive Steuerung des Bauablaufs.
Was sind Abgrenzungen in der Bauerfolgsrechnung?
Abgrenzungen korrigieren zeitversetzte Buchungen in der Bauerfolgsrechnung. Aktive Abgrenzungen verbessern das Ergebnis (z. B. erbrachte, aber noch nicht verrechnete Leistungen). Passive Abgrenzungen verschlechtern es (z. B. noch nicht verbuchte Aufwendungen). Ohne Abgrenzung wären die Ergebnisse verzerrt.
Was ist ein SOLL/IST-Vergleich am Bau?
Der SOLL/IST-Vergleich stellt die kalkulierten Werte (SOLL aus der Arbeitskalkulation) den tatsächlich angefallenen Werten (IST aus Baustellenaufzeichnungen und Buchhaltung) gegenüber. Er kann für Massen, Stunden, Termine, Kosten und Kostenarten durchgeführt werden und dient der Abweichungsanalyse.
Wozu dient die Nachkalkulation?
Die Nachkalkulation dient zwei Zwecken: Erstens zur Bewertung des wirtschaftlichen Erfolgs des abgeschlossenen Projekts, zweitens zur Gewinnung von Erfahrungswerten (Aufwandswerte, Leistungswerte, Kostenansätze) für die Kalkulation zukünftiger Projekte.
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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.