Jeder Baumeister, der ein Unternehmen führt, kommt an der Buchhaltung nicht vorbei. Und ab einer gewissen Größe — konkret ab 700.000 EUR Jahresumsatz gemäß § 189 UGB — bist du zur doppelten Buchführung verpflichtet. Kapitalgesellschaften wie die GmbH müssen sogar immer doppelt buchen.
Für die Baumeisterprüfung ist das Thema ein fixer Bestandteil. Hier erkläre ich dir die Grundlagen der doppelten Buchhaltung — von Soll und Haben bis zum Jahresabschluss.
Was ist die doppelte Buchhaltung und warum gibt es sie?
Die doppelte Buchhaltung ist ein System, bei dem jeder Geschäftsvorfall auf mindestens zwei Konten erfasst wird — einmal im Soll und einmal im Haben. Dadurch entsteht eine lückenlose Dokumentation aller Vermögens- und Erfolgsveränderungen.
Die Bezeichnung „doppelt“ kommt von der doppelten Erfassung: Jeder Betrag erscheint sowohl auf einem Soll-Konto als auch auf einem Haben-Konto. Das Verfahren gewährleistet eine Soll-Haben-Gleichheit und ist damit eine effektive Kontrollmethode.
Der Erfolg wird ebenfalls doppelt ermittelt:
- Durch den Betriebsvermögensvergleich (Bilanz): Das Eigenkapital am Ende der Periode wird mit dem Eigenkapital zu Beginn verglichen.
- Durch die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV): Aufwendungen und Erträge werden gegenübergestellt.
Beide Methoden müssen zum selben Ergebnis führen.
Wie funktionieren Soll und Haben?
Das ist der Kern der doppelten Buchhaltung und in der Prüfung ein Klassiker:
SOLL (linke Seite):
– Bei Bilanzkonten: Vermögenszugänge und Schuldenabgänge
– Bei Erfolgskonten: Aufwendungen und Ertragsminderungen
– Merkregel: Mittelverwendung — Wohin fließt das Geld?
HABEN (rechte Seite):
– Bei Bilanzkonten: Fremd- und Eigenkapitalzugänge, Vermögensabgänge
– Bei Erfolgskonten: Erträge und Aufwandsminderungen
– Merkregel: Mittelherkunft — Woher kommt das Geld?
Bestandskonten und Erfolgskonten
- Bestandskonten (Bilanzkonten) geben den Wert von Vermögenswerten und Verbindlichkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder — z.B. Kassenbestände, Maschinenwerte, Lieferantenverbindlichkeiten oder Eigenkapital.
- Erfolgskonten (GuV-Konten) dokumentieren den finanziellen Erfolg über einen bestimmten Zeitraum — z.B. Umsatzerlöse, Zinserträge oder Mietaufwendungen.
Der Buchungssatz
Jede Buchung wird durch einen Buchungssatz festgehalten. Er legt fest, auf welchen Konten gebucht wird, und ist zwingend auf jedem Beleg schriftlich festzuhalten. Man unterscheidet:
- Einfache Buchungssätze: 1x Soll, 1x Haben
- Zusammengesetzte Buchungssätze: mehr als zwei Konten
Praxisbeispiel: Du kaufst Baumaterial um 10.000 EUR netto auf Rechnung.
– Soll: Materialaufwand 10.000 EUR / Vorsteuer 2.000 EUR
– Haben: Lieferantenverbindlichkeit 12.000 EUR
Was ist der Österreichische Einheitskontenrahmen (EKR)?
Um die Buchführung zu vereinheitlichen, gibt es in Österreich den Einheitskontenrahmen (EKR). Er ist eine Rahmenempfehlung — nicht verpflichtend, aber in der Praxis nahezu überall im Einsatz.
Der EKR besteht aus 10 Kontoklassen (0 bis 9):
| Klasse | Bezeichnung | Zuordnung |
|---|---|---|
| 0 | Anlagevermögen | Bilanz (Aktiva) |
| 1 | Vorräte | Bilanz (Aktiva) |
| 2 | Sonstiges Umlaufvermögen, aktive Rechnungsabgrenzung | Bilanz (Aktiva) |
| 3 | Rückstellungen, Verbindlichkeiten, passive Rechnungsabgrenzung | Bilanz (Passiva) |
| 4 | Betriebliche Erträge | GuV |
| 5 | Materialaufwand, bezogene Leistungen | GuV |
| 6 | Personalaufwand | GuV |
| 7 | Abschreibungen, sonstiger betrieblicher Aufwand | GuV |
| 8 | Finanzerträge/-aufwendungen, ao. Ergebnis | GuV |
| 9 | Kapitalkonten, Rücklagen, Abschlusskonten | Bilanz (Passiva) |
Kontoklassen 0-3 und 9 sind Bestandskonten (Bilanz), Kontoklassen 4-8 sind Erfolgskonten (GuV). Jede Kontoklasse lässt sich nach der Dezimalklassifikation in 10 Kontengruppen (00-99) und weiter in Kontenuntergruppen und einzelne Konten untergliedern.
Für dich als angehender Baumeister ist das EKR-Verständnis wichtig, weil es dir zeigt, wo welche Buchungen hingehören — und das wird in der Prüfung abgefragt.
In der Baubranche gibt es einige Kontengruppen, die besonders häufig genutzt werden. Die Kontoklasse 1 (Vorräte) enthält bei Bauunternehmen typischerweise hohe Bestände an Baumaterialien und unfertigen Bauleistungen. Die Kontoklasse 2 umfasst die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen — im Baugewerbe oft sehr hoch, weil Zahlungsziele lang sind und Teilrechnungen erst nach Aufmaßbestätigung beglichen werden. Die Kontoklasse 5 (Materialaufwand) und Klasse 7 (Fremdleistungsaufwand für Subunternehmer) machen in der Regel den größten Teil der Aufwendungen aus. Wenn du diese branchenspezifischen Schwerpunkte verstehst, fällt dir die Zuordnung der Buchungssätze in der Prüfung deutlich leichter.
Welche Bücher musst du in der doppelten Buchführung führen?
Die doppelte Buchführung erfordert mehrere Bücher:
- Grundbuch (Journal): Chronologische Aufzeichnung aller Geschäftsfälle
- Hauptbuch: Zusammenfassung aller Geschäftsfälle auf den jeweiligen Konten — das Kernstück der Buchhaltung
- Nebenbücher: Detaillierte Erfassung bestimmter Vermögenswerte, z.B. Kassabuch, Waren- und Inventurbuch, Lohn- und Gehaltsbuch
- Hilfsbücher: z.B. Auftragsbücher, Spesenbuch
Aus den Salden der einzelnen Konten im Hauptbuch werden am Jahresende die Bilanz und die GuV-Rechnung erstellt.
Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoB)
Die Buchführung muss gemäß § 190 UGB so beschaffen sein, dass sie einem sachverständigen Dritten innerhalb angemessener Zeit einen Überblick über die Geschäftsvorfälle und über die Lage des Unternehmens vermitteln kann. Konkret heißt das:
- Vollständigkeit: Alle Geschäftsfälle erfassen
- Richtigkeit: Korrekte Verbuchung
- Zeitnähe: Zeitnahe Erfassung
- Klarheit und Übersichtlichkeit: Ordentliche Darstellung
- Belegprinzip: Keine Buchung ohne Beleg — und kein Beleg ohne Buchung!
Die Bücher und Belege sind mindestens sieben Jahre aufzubewahren (§ 212 (2) UGB).
Buchungsbeispiele aus dem Baumeister-Alltag
Damit die Theorie greifbar wird, hier einige typische Buchungssätze für Bauunternehmen:
Beispiel 1: Materiallieferung auf die Baustelle
Ein Betonlieferant liefert Transportbeton im Wert von 10.000 EUR netto + 2.000 EUR USt.
Buchungssatz:
– Soll: Materialaufwand (Klasse 5) — 10.000 EUR
– Soll: Vorsteuer (Klasse 2) — 2.000 EUR
– Haben: Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen (Klasse 3) — 12.000 EUR
Beispiel 2: Ausgangsrechnung an den Bauherrn
Du stellst eine Teilrechnung über Rohbauarbeiten: 50.000 EUR netto + 10.000 EUR USt.
Buchungssatz:
– Soll: Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (Klasse 2) — 60.000 EUR
– Haben: Erlöse Bauleistungen (Klasse 4) — 50.000 EUR
– Haben: Umsatzsteuer (Klasse 3) — 10.000 EUR
Beispiel 3: Reverse-Charge-Rechnung eines Subunternehmers
Ein Installateur stellt dir eine Rechnung über 15.000 EUR netto (Reverse Charge).
Buchungssatz:
– Soll: Fremdleistungsaufwand (Klasse 7) — 15.000 EUR
– Soll: Vorsteuer aus Reverse Charge (Klasse 2) — 3.000 EUR
– Haben: Verbindlichkeiten (Klasse 3) — 15.000 EUR
– Haben: Umsatzsteuer aus Reverse Charge (Klasse 3) — 3.000 EUR
Die Reverse-Charge-USt und die Vorsteuer gleichen sich aus — der Vorgang ist steuerneutral, muss aber in der Buchhaltung korrekt abgebildet werden.
Vorsteuer und Umsatzsteuer in der Buchhaltung
Ein Thema, das in der Praxis ständig vorkommt: Die Vorsteuer ist eine aktive Forderung gegenüber dem Finanzamt und wird auf der Sollseite verbucht. Die Umsatzsteuer ist eine Verpflichtung gegenüber dem Finanzamt und wird im Haben gebucht.
Beide Salden werden auf das Zahllast-Konto übertragen, das die tatsächliche Steuerschuld gegenüber dem Finanzamt zeigt. Mehr dazu im Artikel Vorsteuerabzug für Bauunternehmen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die doppelte Buchhaltung erfasst jeden Geschäftsvorfall auf mindestens zwei Konten (Soll und Haben)
- Buchführungspflicht ab 700.000 EUR Umsatz (§ 189 UGB) oder für alle Kapitalgesellschaften
- Der EKR gliedert Konten in 10 Klassen: 0-3 und 9 für die Bilanz, 4-8 für die GuV
- GoB verlangt vollständige, richtige, zeitnahe Buchführung mit Belegpflicht
- Sieben Jahre Aufbewahrungspflicht für Bücher und Belege
- Vorsteuer = Forderung (Soll), Umsatzsteuer = Verbindlichkeit (Haben)
- Die Bauleistungsrechnung und die Ergebnisrechnung sind spezielle Bestandteile des baubetrieblichen Rechnungswesens
- Das baubetriebliche Rechnungswesen gliedert sich in Bauauftragsrechnung (Kalkulation) und Baubetriebsrechnung (Kostenarten-, Kostenstellen-, Kostenträgerrechnung)
- Im Baugewerbe ist die korrekte Erfassung von Reverse-Charge-Umsätzen in der Buchhaltung besonders wichtig
- Der Österreichische Einheitskontenrahmen (EKR) ist die Grundlage für die Kontenstruktur
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wann ist ein Bauunternehmen zur doppelten Buchführung verpflichtet?
Gemäß § 189 UGB sind Unternehmen mit einem Jahresumsatz über 700.000 EUR zur doppelten Buchführung verpflichtet (in zwei aufeinanderfolgenden Geschäftsjahren). Kapitalgesellschaften wie GmbH oder AG müssen unabhängig vom Umsatz immer doppelt buchen. Unterhalb der Schwelle können Bauunternehmer die einfachere Einnahmen-Ausgaben-Rechnung anwenden.
Was ist der Unterschied zwischen Bilanz und GuV-Rechnung?
Die Bilanz ist eine stichtagsbezogene Momentaufnahme der Vermögens- und Kapitalsituation eines Unternehmens (Vermögen = Eigenkapital + Fremdkapital). Die GuV-Rechnung zeigt den Erfolg über einen bestimmten Zeitraum, indem Erträge und Aufwendungen gegenübergestellt werden. Beide zusammen ergeben den Jahresabschluss und müssen denselben Gewinn bzw. Verlust ausweisen.
Was bedeutet „Soll an Haben“ in der Buchhaltung?
„Soll an Haben“ beschreibt die Grundstruktur eines Buchungssatzes: Zuerst wird das Konto genannt, das im Soll bebucht wird (Mittelverwendung), dann das Konto im Haben (Mittelherkunft). Zum Beispiel: „Materialaufwand an Lieferantenverbindlichkeit“ bedeutet, dass du Material eingekauft hast (Aufwand steigt im Soll) und dafür eine Verbindlichkeit entstanden ist (Schulden steigen im Haben).
Welche Kontoklassen des EKR gehören zur Bilanz und welche zur GuV?
Zur Bilanz gehören die Kontoklassen 0 (Anlagevermögen), 1 (Vorräte), 2 (sonstiges Umlaufvermögen) und 3 (Rückstellungen, Verbindlichkeiten) auf der Aktivseite sowie 9 (Eigenkapital, Rücklagen) auf der Passivseite. Zur Gewinn- und Verlustrechnung gehören die Kontoklassen 4 (Erträge), 5 (Materialaufwand), 6 (Personalaufwand), 7 (Abschreibungen) und 8 (Finanzergebnis).
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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.