Aufwandswert und Leistungswert sind zwei Seiten derselben Medaille — und beide sind für dich als angehender Baumeister absolut prüfungsrelevant. Sie beschreiben die Produktivität auf der Baustelle und bilden die Grundlage für jede belastbare Baukalkulation. Ohne realistische Aufwandswerte wird jedes Angebot zum Glücksspiel.
In meiner Praxis sehe ich immer wieder, wie Kalkulationsfehler bei den Aufwandswerten zu Verlusten führen. Wer hier sauber arbeitet, hat einen echten Wettbewerbsvorteil.
Was ist der Aufwandswert (AW)?
Der Aufwandswert gibt an, wie viele Arbeitsstunden (Lohnstunden) eine Arbeitskraft benötigt, um eine Leistungseinheit herzustellen. Die Formel lautet:
Aufwandswert (AW) = Arbeitszeit [h] / Leistungseinheit [LE]
Die Einheit ist typischerweise h/m², h/m³, h/to oder h/Stk — je nach Art der Bauleistung.
Praxisbeispiele für Aufwandswerte
Hier einige typische Aufwandswerte aus der Baupraxis:
- Schalung Stahlbetonwand: 0,4 bis 0,7 h/m²
- Schalung Deckenplatte bis 25 cm: 0,4 bis 0,9 h/m²
- Mauerwerk (Ziegel): 0,3 bis 1,5 h/m²
- Betonage: 0,3 bis 2,2 h/m³
- Verlegen Baustahlmatte: 10,0 bis 15,0 h/to
- Außenputz: 0,5 bis 1,0 h/m²
- Innenputz: 0,2 bis 0,9 h/m²
Die Bandbreiten zeigen: Ein pauschaler Aufwandswert existiert nicht. Welcher Wert realistisch ist, hängt von den konkreten Randbedingungen ab.
Was ist der Leistungswert (LW)?
Der Leistungswert ist der Kehrwert des Aufwandswerts. Er gibt an, wie viele Leistungseinheiten eine Fertigungsgruppe oder ein Gerät pro Stunde erzeugen kann:
Leistungswert (LW) = Leistungseinheit [LE] / h [ZE]
Leistungswerte kommen vor allem bei maschinenintensiven Tätigkeiten zum Einsatz. Beispiele:
- Baugrubenaushub Bagger 30 kW: 10,0 bis 25,0 m³/h
- Baugrubenaushub Bagger 90 kW: 30,0 bis 75,0 m³/h
- Hinterfüllen Bagger 30 cm: 10,0 bis 16,0 m³/h
Zusammenhang zwischen AW und LW
Die Beziehung ist einfach: AW = 1 / LW (und umgekehrt).
Wenn ein Bagger einen Leistungswert von 20 m³/h hat, beträgt der Aufwandswert 1/20 = 0,05 h/m³. Steigen die Aufwandswerte, sinkt die Produktivität — und umgekehrt.
Welche Faktoren beeinflussen den Aufwandswert?
Die Produktivität auf der Baustelle wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Die wichtigsten nach Hofstadler sind:
- Arbeitsanweisung: Klare, rechtzeitige Anweisungen sind für einen reibungslosen Arbeitsablauf entscheidend. Verspätete oder unklare Vorgaben führen zu Produktivitätsverlusten.
- Bauweise: Die Fertigteilbauweise ermöglicht höhere Arbeitsproduktivitäten als die Ortbetonbauweise.
- Qualitative Verfügbarkeit: Arbeitskräfte sollten entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden. Überforderung führt zu höherem Aufwand und Mängeln.
- Arbeitsraum: Ein zu begrenzter Arbeitsraum behindert den Arbeitsfluss und senkt die Produktivität.
- Arbeitsgruppen: Die optimale Kolonnengröße variiert je nach Bauteilart (Stützen, Wände, Decken).
- Tägliche Arbeitszeit: Ab einer bestimmten Arbeitsdauer sinkt die Produktivität durch Ermüdung.
- Einsatzortwechsel: Ungeplante Wechsel zwischen Fertigungsabschnitten führen zu An- und Auslaufverlusten.
- Baustellenbedingungen: Baugrund, Topografie, Zugänglichkeit und Wetterbedingungen haben wesentlichen Einfluss.
Produktivitätsschwankungen über die Bauzeit
Die Produktivität verläuft über die Bauzeit nicht konstant. Man unterscheidet drei Phasen:
- Anlaufphase: Niedrigere Produktivität durch Anlaufschwierigkeiten und organisatorische Anpassungen
- Hauptbauphase: Höchste Produktivität unter stabilen Bedingungen
- Auslaufphase: Sinkende Produktivität, da die Arbeitsintensität abnimmt
Für dich als Kalkulant bedeutet das: Du musst mit Durchschnittswerten rechnen, die alle drei Phasen abbilden.
Besonders bei Projekten mit kurzer Bauzeit fallen die Anlauf- und Auslaufphasen stärker ins Gewicht, weil die produktive Hauptbauphase kürzer ausfällt. Ein Rohbau, der nur drei Monate dauert, hat proportional mehr Rüstzeiten und Einarbeitungsphasen als ein Rohbau über acht Monate. Erfahrene Kalkulanten berücksichtigen das, indem sie bei kürzeren Projekten etwas höhere Aufwandswerte ansetzen. In der Nachkalkulation zeigt sich dann, ob diese Einschätzung richtig war — und genau diese Erfahrungswerte machen den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Kalkulation aus.
Wie werden Aufwandswerte ermittelt?
Die Ermittlung von Aufwandswerten basiert auf verschiedenen Quellen:
- Persönliche Erfahrung des Kalkulanten aus früheren Projekten
- Firmeninterne Datensammlung: Systematische Auswertung abgeschlossener Projekte
- Nachkalkulation: Vergleich von kalkulierten und tatsächlichen Werten
- Fachliteratur: Standardisierte Werte als Orientierung
- Herstellerangaben: Spezifische Informationen über Materialien und Geräte
Die Nachkalkulation ist dabei besonders wertvoll: Hier werden die tatsächlich geleisteten Stunden (IST) mit den kalkulierten Stunden (SOLL) verglichen. Bei mehreren abgeschlossenen Aufträgen lassen sich daraus belastbare Aufwandswerte für zukünftige Kalkulationen ableiten.
Berechnungsbeispiel: Aufwandswert aus Nachkalkulation
Stell dir vor, du baust 1.200 m² Deckenschalung auf einer Wohnhausbaustelle. Die tatsächlich geleisteten Stunden (IST) betragen laut Polieraufzeichnungen (BAS) 660 Stunden.
Ermittelter Aufwandswert: 660 h / 1.200 m² = 0,55 h/m²
In der Angebotskalkulation hattest du mit 0,50 h/m² gerechnet. Die Abweichung von 0,05 h/m² (10 %) kann verschiedene Ursachen haben: schwierige Grundrissgeometrie, häufige Umschalvorgänge, oder ungünstige Witterungsbedingungen. Solche Erkenntnisse fließen in die Aufwandswertdatenbank deines Unternehmens ein und verbessern zukünftige Kalkulationen.
Aufwandswerte und Bauzeit
Aus den Aufwandswerten lässt sich auch die benötigte Bauzeit ableiten:
Bauzeit = (Menge x Aufwandswert) / (Arbeiteranzahl x tägliche Arbeitszeit)
Beispiel: 3.000 m² Deckenschalung, AW = 0,5 h/m², 6 Arbeiter, 8 h/Tag:
– Gesamtstunden: 3.000 x 0,5 = 1.500 h
– Bauzeit: 1.500 / (6 x 8) = 31,25 Arbeitstage (ca. 6,5 Wochen)
Diese Berechnung ist ein wesentlicher Teil der Arbeitsvorbereitung (AVOR) und fließt in den Bauzeitplan ein.
Prüfungstipp: In der Baumeisterprüfung wirst du gefragt, was AW und LW bedeuten und wie du sie ermittelst. Merke dir die Formeln und kenne mindestens drei bis vier typische Aufwandswerte auswendig.
Aufwandswerte in der Kalkulation anwenden
Die Aufwandswerte fließen direkt in die Detailkalkulation im K7-Blatt ein. Die Einzellohnkosten je Leistungseinheit berechnen sich als:
Einzellohnkosten = Aufwandswert [h/LE] x Mittellohnkosten [EUR/h]
Beispiel: Schalung Stahlbetonwand mit AW = 0,5 h/m² und Mittellohnkosten = 56,00 EUR/h:
– Einzellohnkosten = 0,5 x 56,00 = 28,00 EUR/m²
Aufwandswerte spielen auch in der Arbeitsvorbereitung (AVOR) eine zentrale Rolle. Sie dienen zur Berechnung der Dauer einzelner Arbeitsschritte und damit des gesamten Fertigungsprozesses. Eine präzise Planung der Arbeitsabläufe trägt wesentlich zur Effizienz und Termintreue bei.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Aufwandswert (AW) gibt die Arbeitsstunden pro Leistungseinheit an (z. B. h/m²)
- Der Leistungswert (LW) gibt die Leistungseinheiten pro Stunde an — er ist der Kehrwert des AW
- AW und LW stehen in einer inversen Beziehung: Steigt der AW, sinkt die Produktivität
- Zahlreiche Faktoren beeinflussen die Aufwandswerte: Bauweise, Arbeitsraum, Kolonnengröße, Wetter
- Die Ermittlung erfolgt über Erfahrung, Nachkalkulation, firmeninterne Daten und Fachliteratur
- In der Kalkulation fließen AW direkt in die Einzellohnkosten im K7-Blatt ein
- Die Produktivität schwankt über die Bauzeit (Anlauf-, Haupt- und Auslaufphase)
Einflussfaktoren auf die Produktivität im Detail
Die Arbeitsproduktivität auf der Baustelle setzt sich aus der Arbeits-, Betriebsmittel- und Stoffproduktivität zusammen. Einige Einflussfaktoren verdienen besondere Aufmerksamkeit:
Bauweise und Technologie
Die Wahl der Bauweise hat enormen Einfluss auf den Aufwandswert. Die Fertigteilbauweise ermöglicht in der Regel höhere Produktivitäten als die Ortbetonbauweise — allerdings nur an der Baustelle. Die Vorfertigung im Werk verlagert den Aufwand, eliminiert ihn aber nicht. Bei der Hybridbauweise (Kombination aus Ortbeton und Fertigteilen) lassen sich oft die Vorteile beider Methoden nutzen.
Witterungseinflüsse
Im Baugewerbe spielt das Wetter eine besondere Rolle. Niederschlag, Frost und extreme Hitze können die Produktivität erheblich senken. In der Baukalkulation wird das über den Schlechtwetterentschädigungsbeitrag (Teil der DLNK) und über realistische Bauzeitansätze berücksichtigt. Bei Winterbauarbeiten muss mit deutlich höheren Aufwandswerten gerechnet werden.
Lernkurveneffekt
Bei repetitiven Arbeiten (z. B. Geschossdecken in einem Hochhaus) sinkt der Aufwandswert mit zunehmender Übung. Diesen Effekt nennt man Lernkurve. Erfahrene Kalkulanten berücksichtigen das, indem sie für die ersten Geschosse höhere und für die letzten Geschosse niedrigere Aufwandswerte ansetzen.
Kolonnengröße und Arbeitsraum
Die optimale Kolonnengröße variiert je nach Bauteilart. Bei Deckenschalungen arbeiten größere Gruppen effizienter als bei Stützenschalungen, wo der begrenzte Arbeitsraum die Produktivität bei zu vielen Arbeitern sogar senken kann. Ein erfahrener Bauleiter passt die Kolonnengröße an die jeweilige Aufgabe an
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Aufwandswert und Leistungswert?
Der Aufwandswert (AW) gibt an, wie viele Arbeitsstunden für eine Leistungseinheit benötigt werden (z. B. 0,5 h/m²). Der Leistungswert (LW) ist der Kehrwert und gibt an, wie viele Leistungseinheiten pro Stunde erzeugt werden (z. B. 2,0 m²/h). Beide beschreiben dieselbe Produktivität aus unterschiedlichen Perspektiven.
Wo finde ich Aufwandswerte für meine Kalkulation?
Aufwandswerte stammen aus der persönlichen Erfahrung, firmeninternen Datensammlungen, Nachkalkulationen abgeschlossener Projekte, Fachliteratur (z. B. Hofstadler, Kropik) und Herstellerangaben. Die Nachkalkulation ist die zuverlässigste Quelle, da sie auf tatsächlichen Bauprojekten basiert.
Wie fließt der Aufwandswert in die Baukalkulation ein?
Der Aufwandswert wird im K7-Blatt (Detailkalkulation) mit dem Mittellohnpreis bzw. den Mittellohnkosten multipliziert, um die Einzellohnkosten je Leistungseinheit zu ermitteln. Beispiel: AW 0,5 h/m² x MLP 56,00 EUR/h = 28,00 EUR/m² Lohnkosten.
Warum schwanken Aufwandswerte so stark?
Die Bandbreiten der Aufwandswerte ergeben sich aus unterschiedlichen Einflussfaktoren: Bauweise, Arbeitsraum, Kolonnengröße, Qualifikation der Arbeitskräfte, Baustellenbedingungen, Wetter und logistische Rahmenbedingungen. Selbst bei identischen Arbeiten können die Aufwandswerte je nach Projekt erheblich variieren.
Was bedeutet Arbeitsproduktivität am Bau?
Unter Arbeitsproduktivität versteht man die auf Objekte bezogene menschliche Arbeitsleistung, z. B. die Montage der Schalung zur Herstellung von Fundamentplatten. Sie wird durch den Aufwandswert quantifiziert und ist ein zentraler Faktor für die Wirtschaftlichkeit eines Bauprojekts.
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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.