Baunormen Österreich: Die wichtigsten im Überblick

Als Baumeister in Österreich arbeitest du täglich mit Normen. Sie regeln, wie du kalkulierst, wie du Verträge abschließt, wie du baust und wie du abrechnest. Aber welche Normen gibt es überhaupt? Und welche musst du für die Prüfung kennen?

In diesem Beitrag gebe ich dir einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Baunormen in Österreich — von den Vertragsnormen über die Kalkulationsnormen bis zu den technischen Normen.

Wie sind die österreichischen Baunormen strukturiert?

Die ÖNORMen im Bauwesen lassen sich in drei große Gruppen einteilen:

1. Vertragsnormen — regeln das rechtliche Verhältnis zwischen AG und AN
2. Kalkulationsnormen — regeln die Preisermittlung und Abrechnung
3. Technische Normen — regeln die fachgerechte Ausführung

Dazu kommen europäische Normen (EN-Normen, Eurocodes), die in Österreich als ÖNORM EN übernommen werden.

Prinzipiell gilt: ÖNORMen sind freiwillig und werden durch Vereinbarung im Vertrag verbindlich. Technische Normen können zusätzlich durch Gesetze oder Verordnungen verbindlich gemacht werden.

Welche Vertragsnormen sind für Baumeister relevant?

ÖNORM B 2110 — Die Werkvertragsnorm

Die ÖNORM B 2110 ist die zentrale Norm für Bauverträge in Österreich. Sie regelt das gesamte Vertragsverhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer: Leistungsumfang, Vertragstypen, Abrechnung, Leistungsabweichungen, Übernahme und Haftung.

ÖNORM B 2118 — Partnerschaftsmodell

Die ÖNORM B 2118 ist die Spezialvariante für Großprojekte. Sie ergänzt die B 2110 um Partnerschaftssitzungen zur kooperativen Konfliktlösung, Witterungsregelungen und angepasste MKF-Bestimmungen.

ÖNORM B 2111 — Veränderliche Preise

Die ÖNORM B 2111 regelt die Preisumrechnung bei langfristigen Projekten. Sie definiert Preisbasis, Indizes, Preisperioden und das Verfahren der Umrechnung.

ÖNORM A 2050 — Vergabenorm

Die ÖNORM A 2050 regelt die Vergabe von Aufträgen — von der Ausschreibung über das Angebot bis zum Zuschlag. Sie ist besonders relevant, wenn du im öffentlichen oder halböffentlichen Bereich arbeitest.

ÖNORM A 2060 — Ausschreibung und Angebotslegung

Die ÖNORM A 2060 vertieft die Ausschreibungs- und Angebotslegungsregeln. Sie regelt, wie Leistungsbeschreibungen aufgebaut sein müssen und welche Informationen ein Bieter braucht.

ÖNORM A 2063 — Elektronischer Datenaustausch

Die ÖNORM A 2063 regelt den elektronischen Austausch von Daten für AVA (Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung). In Zeiten der Digitalisierung wird sie immer wichtiger — viele Auftraggeber verlangen strukturierte elektronische Einreichungen.

Welche Kalkulationsnormen musst du kennen?

ÖNORM B 2061 — Preisermittlung

Die ÖNORM B 2061 regelt, wie Preise für Bauleistungen ermittelt werden. Sie ist die Grundlage für deine Kalkulation — vom Mittellohnpreis über die Zuschläge bis zum Einheitspreis.

Die B 2061 definiert die berühmten K-Blätter: K2 (Gesamtzuschläge), K3 (Personalkosten), K4 (Material), K5 (Fremdleistungen), K6 (Geräte), K7 (Zusammenfassung).

Welche technischen Normen sind wichtig?

Gewerkespezifische Normen (B 22xx / H 22xx)

Für jedes Gewerk gibt es spezielle Normen, die technische und rechtliche Besonderheiten regeln:

  • B 2201 — Betonarbeiten
  • B 2205 — Holzbau
  • B 2206 — Mauer- und Versetzarbeiten
  • B 2207 — Putz- und Fassadenarbeiten
  • B 2209 — Abdichtungsarbeiten
  • B 2210 — Ziegelmauerwerk
  • H 2210 — Heizungsanlagen
  • H 2260 — Lüftungsanlagen

Diese Normen werden in der Praxis in den Bauvertrag eingebunden und konkretisieren die allgemeinen Regeln der B 2110 für das jeweilige Gewerk.

Eurocodes — Europäische Tragwerksnormen

Die Eurocodes sind europäische Normen für die Tragwerksplanung. Sie ersetzen nach und nach die nationalen Normen:

  • EC 0 — Grundlagen der Tragwerksplanung
  • EC 1 — Einwirkungen auf Tragwerke
  • EC 2 — Betonbau
  • EC 3 — Stahlbau
  • EC 5 — Holzbau
  • EC 6 — Mauerwerksbau
  • EC 7 — Geotechnik
  • EC 8 — Erdbeben

Die Eurocodes werden in Österreich als ÖNORM EN übernommen und durch nationale Anhänge ergänzt.

Wie hängen die Normen zusammen?

Die Baunormen bilden ein zusammenhängendes System:

  • A 2050/A 2060 regeln die Phase vor dem Vertrag (Ausschreibung, Angebot)
  • B 2061 regelt die Kalkulation (Preisermittlung)
  • B 2110 regelt den Vertrag selbst (Rechte, Pflichten, Abrechnung)
  • B 2118 ergänzt für Großprojekte
  • B 2111 ergänzt für lange Laufzeiten
  • B 22xx/H 22xx regeln die technische Ausführung je Gewerk

Für dich als Baumeister ist es wichtig, dieses Zusammenspiel zu verstehen — in der Prüfung und im Alltag.

Wie liest du eine ÖNORM-Bezeichnung?

Die Bezeichnung einer ÖNORM folgt einem logischen System, das du kennen solltest:

  • A = Normen für allgemeine und übergreifende Bereiche (z.B. A 2050 für Vergabe, A 2060 für Ausschreibung)
  • B = Baunormen (z.B. B 2110 für Werkverträge, B 2061 für Preisermittlung, B 22xx für gewerkespezifische Normen)
  • H = Haustechniknormen (z.B. H 2210 für Heizungsanlagen)
  • EN = Europäische Normen, die als ÖNORM übernommen wurden (z.B. ÖNORM EN 206 für Beton)

Die Nummerierung innerhalb der Gruppen gibt einen Hinweis auf den Themenbereich. Bei den B-Normen stehen die 2100er-Nummern für Vertragsnormen, die 2200er für gewerkespezifische Normen und die 1800er für Kostenplanung.

Prüfungstipp: Du musst nicht alle ÖNORMen im Detail kennen, aber du solltest die wichtigsten zuordnen können. Für die Prüfung sind vor allem relevant: B 2110 (Werkvertragsnorm), B 2118 (Partnerschaftsmodell), B 2111 (veränderliche Preise), B 2061 (Preisermittlung), A 2050 (Vergabe) und A 2060 (Ausschreibung). Die gewerkespezifischen Normen (B 22xx) musst du dem Grundsatz nach kennen, aber nicht im Detail.

In der Praxis wirst du als Baumeister vor allem mit der ÖNORM B 2110 arbeiten — sie begleitet dich bei jedem Bauvertrag von der Ausschreibung bis zur Schlussrechnung. Die B 2061 brauchst du für jede Kalkulation. Und die gewerkespezifischen Normen werden relevant, wenn du Subunternehmer beauftragst oder selbst spezialisierte Arbeiten ausführst. Je besser du das Normensystem verstehst, desto sicherer bewegst du dich in der Praxis und in der Prüfung.

Ein letzter Hinweis: Normen werden regelmäßig aktualisiert. Die ÖNORM B 2110 zum Beispiel wurde zuletzt im Mai 2023 überarbeitet. Prüfe bei jedem Vertrag, welche Ausgabe der jeweiligen Norm eingebunden ist — und halte dich über Aktualisierungen auf dem Laufenden.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Drei Gruppen: Vertragsnormen, Kalkulationsnormen, Technische Normen
  • ÖNORM B 2110 ist die zentrale Werkvertragsnorm
  • ÖNORM B 2061 ist die zentrale Kalkulationsnorm
  • ÖNORM A 2050/A 2060 regeln Ausschreibung und Vergabe
  • Gewerkespezifische Normen (B 22xx/H 22xx) für technische Details
  • Eurocodes für Tragwerksplanung
  • Alle Normen bilden ein zusammenhängendes System

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Welche Baunormen muss ich als Baumeister kennen?

Die wichtigsten sind ÖNORM B 2110 (Werkvertragsnorm), B 2061 (Preisermittlung), A 2050 (Vergabe), B 2111 (veränderliche Preise) und die gewerkespezifischen Normen (B 22xx/H 22xx). Für die Prüfung ist zusätzlich die B 2118 (Partnerschaftsmodell) relevant.

Was ist der Unterschied zwischen ÖNORM und Eurocode?

ÖNORMen sind österreichische Normen, Eurocodes sind europäische Normen für die Tragwerksplanung. Die Eurocodes werden in Österreich als ÖNORM EN übernommen und ersetzen schrittweise die nationalen Tragwerksnormen.

Wo kann ich ÖNORMen kaufen?

ÖNORMen werden von Austrian Standards International herausgegeben und können über deren Webshop (shop.austrian-standards.at) bezogen werden. Sie sind kostenpflichtig.


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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.