Unterfangungen: Bestandsgebäude sichern

Wenn neben einem bestehenden Gebäude ein Neubau mit tieferer Gründungssohle geplant ist, stellt sich sofort eine zentrale Frage: Wie schütze ich das Nachbargebäude vor Setzungsschäden? Die Antwort lautet in den meisten Fällen: Unterfangung.

Unterfangungen gehören zu den anspruchsvollsten Aufgaben im Hochbau und in der Altbausanierung. Für dich als angehenden Baumeister ist dieses Thema nicht nur prüfungsrelevant, sondern auch ein Bereich, in dem Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben können.

Was ist eine Unterfangung?

Im Zuge einer Unterfangung wird der Gründungshorizont eines bestehenden Bauwerks tiefer gelegt. Die Unterfangung eines Gebäudes ist damit eine Art Baugrubenwand, die vertikale Lasten aus dem Nachbargebäude und horizontale Erddrücke aufnehmen muss.

Die Unterfangung wird zwingend dann erforderlich, wenn ein neues Bauwerk unmittelbar an eine bestehende Brandmauer angrenzt und dessen Gründungssohle tiefer positioniert ist als die des bestehenden Gebäudes.

Welche Methoden zur Unterfangung gibt es?

Es stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung:

  • Konventionelle Unterfangung: Abschnittsweise Herstellung von Unterfangungswänden — die klassische und häufigste Methode.
  • DSV (Düsenstrahlverfahren): Bodenverbesserung durch Hochdruckinjektionen.
  • Injektionen: Einbringen spezieller Bindemittel in den Boden zur Stabilisierung.
  • Bohrpfähle: Tiefgründung durch gebohrte Pfähle.
  • Schlitzwände: Herstellung schmaler, tiefer Betonwände als Baugrubensicherung.
  • Mikropfähle: Dünnere Pfähle für beengte Verhältnisse.
  • Bodenvereisung: Temporäres Einfrieren des Bodens zur Stabilisierung.

Wie funktioniert die abschnittsweise Unterfangung?

Die konventionelle Methode ist die abschnittsweise Unterfangung. Dabei sind folgende Regeln strikt einzuhalten:

  1. Kein bestehendes Gebäude darf vollständig bis zu einer Fundamentkante ausgegraben werden. Der Schutz der Bausubstanz hat oberste Priorität.

  2. Neue Fundamente sind abschnittsweise herzustellen. Abschnitte mit einer Breite von maximal b = 1,25 m werden freigelegt.

  3. Mindestabstand einhalten: Der aufeinanderfolgende Abschnitt, der gleichzeitig bearbeitet wird, muss einen Mindestabstand von 5,00 m aufweisen, wobei b die Breite des zu unterfangenden Abschnitts ist.

  4. Betonieren: Nach der Ausgrabung wird der Fundamentabschnitt mit Beton ausgefüllt.

  5. Verbau: Alle Ausschachtungen, die eine Tiefe von 1,25 m oder mehr erreichen, müssen entsprechend gesichert (verbaut) werden, um das Risiko eines Einsturzes zu minimieren.

Praxisbeispiel: Du baust ein Wohnhaus neben einem Gründerzeithaus im 18. Bezirk in Wien. Die Gründungssohle des Neubaus liegt 2 Meter tiefer als die des Bestands. Du unterfängst die Brandmauer in Abschnitten von maximal 1,25 m Breite, wobei du immer mindestens 5 m Abstand zwischen gleichzeitig bearbeiteten Abschnitten einhältst. Jeder Abschnitt wird sofort nach dem Freilegen betoniert.

Wie werden Trennwände in Altbauten ausgewechselt?

Die Auswechslung von Trennwänden in historischen Altbauten ist ein verwandtes Thema, das eng mit Unterfangungen zusammenhängt. Bei Trennwänden, die parallel zu den Deckenträmen verlaufen, ist besondere Vorsicht geboten — diese Wände tragen typischerweise zur Versteifung des Gebäudes bei.

Der Rückbau solcher Wände erfordert:
– Ein schrittweises, stockwerkübergreifendes Vorgehen, beginnend von oben
– Die Änderung der Gebäudeaussteifung muss auf die Erdbebensicherheit bewertet werden

Das Nadelungsverfahren

Nadelung bezeichnet das temporäre Verfahren, Lasten auf eine unterstützende Hilfskonstruktion umzuleiten. Der Ablauf:

  1. Öffnungen für Nadelträger an den oberen und unteren Enden der Wand herstellen
  2. Einbauprofil bereitstellen und neben der Installationsstelle lagern
  3. Nadelträger einfädeln, Jochträger und Spindelstützen einbauen, Kippsicherung implementieren
  4. Last auf die unteren Nadelträger umleiten
  5. Wandsegmente im Öffnungsbereich entfernen, Auflager ausführen
  6. Einbauprofil einheben und sichern
  7. Mittels Kapselpressen Spannung erzeugen, Last auf das Einbauprofil umleiten
  8. Fuge zwischen Träger und Mauerwerk auskeilen und verfüllen
  9. Nadelträger entfernen, Hilfsstruktur abbauen, feuerfeste Verkleidung anbringen

Prüfungstipp: Unterfangung in der Baumeisterprüfung

Unterfangungen werden in der Prüfung gerne als technisches Detailthema abgefragt. Die zwei Zahlenwerte, die du im Schlaf kennen musst:

  • Maximale Abschnittsbreite: 1,25 m
  • Mindestabstand zwischen gleichzeitig bearbeiteten Abschnitten: 5,00 m

Diese Werte sind absolut prüfungsrelevant. Dazu kommt die Regel, dass kein bestehendes Gebäude vollständig bis zur Fundamentkante ausgegraben werden darf und dass Ausschachtungen ab 1,25 m Tiefe einen Verbau erfordern.

Außerdem wird gerne nach dem Nadelungsverfahren gefragt. Merke dir den Ablauf in der richtigen Reihenfolge: Öffnungen herstellen, Nadelträger einfädeln, Jochträger und Spindelstützen einbauen, Last umleiten, Wandsegmente entfernen, Einbauprofil einheben, Kapselpressen spannen, Fuge auskeilen, Hilfskonstruktion abbauen.

Die Kapselpresse ist ein weiterer beliebter Prüfungspunkt. Du solltest erklären können, wie sie funktioniert: Zwei verschweißte Stahlschalen werden durch Injektion von Flüssigkeit oder Mörtel expandiert. Trotz geringer Einbauhöhe erzeugt sie beträchtliche Kräfte — ideal für beengte Verhältnisse bei Unterfangungen.

Was gilt bei der Unterfangung von Mittelmauern?

Die Unterfangung von Mittelmauern ähnelt generell der von Trennwänden. Ein spezieller Aspekt bei Gründerzeitgebäuden: Mittelmauern beherbergen häufig Kamine. Vor der Unterfangung ist daher eine Überprüfung durch einen Rauchfangkehrer empfehlenswert, um zu klären, ob die Kamine noch in Gebrauch sind oder stillgelegt werden können.

Bei Außenmauern ist besondere Sorgfalt geboten, um sicherzustellen, dass die Lastverteilung nicht über Gehwege oder Decken zum tragfähigen Untergrund geleitet wird. Das bereits belastete Bauteil sollte aktiv zur Gewichtsübertragung genutzt werden.

Besonders heikel ist die Unterfangung, wenn in den Mittelmauern noch aktive Kamine vorhanden sind. In diesem Fall muss die Bestandsaufnahme durch einen befugten Rauchfangkehrer erfolgen, bevor mit den Arbeiten begonnen wird. Stillgelegte Kamine können in der Regel problemlos unterfangen werden, aktive Kamine erfordern eine vorherige Umleitung oder Stilllegung — was wiederum eine behördliche Genehmigung voraussetzt.

Was ist eine Kapselpresse und wann kommt sie zum Einsatz?

Die Kapselpresse ist ein vielseitiges Werkzeug bei Unterfangungen. Sie besteht aus einem Stahlgehäuse, das durch Injektionsverfahren erweitert wird. Trotz geringer Einbauhöhe kann sie beträchtliche Kräfte erzeugen.

Anwendungsfelder:
– Vorspannung von Baugrubenaussteifungen
– Unterfangung von Fundamenten, Stützen, Wänden und Deckenplatten
– Vorbelastung von Tiefgründungen im Spezialtiefbau
– Anheben von Bauteilen

Die Vorspannung wird durch verschiedene Materialien erreicht: Wasser, Öl, Zement, Mörtel oder Kunstharz. Mehrere Pressen können übereinander montiert werden.

Praxisfall: Unterfangung bei einem Kellerneubauprojekt in Wien

Du erhältst den Auftrag, auf einem Grundstück im 3. Wiener Bezirk ein Wohnhaus mit Tiefgarage zu errichten. Das Nachbargebäude ist ein Gründerzeithaus mit Streifenfundamenten auf Kiesboden in 1,2 m Tiefe. Deine Tiefgarage reicht bis 4,5 m unter Gelände. Eine Unterfangung ist zwingend erforderlich.

Planung und Vorbereitung:
– Vorab wird ein geotechnisches Gutachten erstellt, das Bodenart, Grundwasserstand und Tragfähigkeit dokumentiert
– Der Statiker berechnet die Unterfangungsabschnitte und die Reihenfolge der Herstellung
– Ein Beweissicherungsverfahren wird durchgeführt: Das Nachbargebäude wird innen und außen dokumentiert (Fotos, Rissprotokoll), um spätere Schäden eindeutig zuordnen zu können
– Die Evaluierung wird speziell auf die Risiken der Unterfangungsarbeiten angepasst

Ausführung:
1. Die Feuermauer zum Nachbargebäude wird freigelegt, aber nie vollständig bis zur Fundamentunterkante — immer nur abschnittsweise in maximal 1,25 m Breite
2. Der erste Abschnitt wird ausgehoben und sofort mit Magerbeton gesichert
3. Der nächste gleichzeitig bearbeitete Abschnitt liegt mindestens 5 m entfernt
4. Während der Arbeiten wird das Nachbargebäude durch ein Messprogramm überwacht: Setzungsbolzen, Rissmonitore, Schlauchwaagen
5. Nach Fertigstellung aller Unterfangungsabschnitte wird die Baugrube ausgehoben

Sicherheitsaspekte:
Die Unterfangung zählt zu den Arbeiten mit besonderen Gefahren im Sinne des BauKG. Ein SiGe-Plan ist Pflicht. Die Erdarbeiten unterliegen den Bestimmungen der BauV: Ab 1,25 m Tiefe sind Personensicherungsmaßnahmen obligatorisch, der 50-cm-Randstreifen darf nicht belastet werden, und die Absturzsicherung an der Baugrubenkante muss gewährleistet sein.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Unterfangungen sind erforderlich, wenn ein Neubau tiefer gegründet wird als das benachbarte Bestandsgebäude.
  • Die konventionelle Methode arbeitet abschnittsweise mit maximal 1,25 m Breite und mindestens 5 m Abstand zwischen gleichzeitigen Abschnitten.
  • Kein Bestandsgebäude darf vollständig bis zur Fundamentkante ausgegraben werden.
  • Ausschachtungen ab 1,25 m Tiefe erfordern einen Verbau.
  • Bei der Unterfangung von Mittelmauern in Gründerzeithäusern müssen Kamine vorab geprüft werden.
  • Die Kapselpresse ist ein zentrales Werkzeug bei Unterfangungen und Nadelungen.

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Weiterlesen: Baurecht Österreich einfach erklärt: Das 1×1 für Baumeister — Unser umfassender Guide zu diesem Thema.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Unterfangung im Hochbau?

Eine Unterfangung ist das Tieferlegen des Gründungshorizonts eines bestehenden Bauwerks. Sie wird erforderlich, wenn ein Neubau neben einem Bestandsgebäude tiefer gegründet werden soll. Dabei wird das bestehende Fundament abschnittsweise freigelegt und durch neue, tieferreichende Elemente verstärkt.

Wie breit dürfen Unterfangungsabschnitte maximal sein?

Die konventionelle Unterfangung erfordert Abschnitte von maximal 1,25 m Breite. Der aufeinanderfolgende Abschnitt, der gleichzeitig bearbeitet wird, muss einen Mindestabstand von 5,00 m aufweisen. Diese Regeln dienen dem Schutz der bestehenden Bausubstanz vor Setzungsschäden.

Was ist Nadelung bei der Altbausanierung?

Nadelung ist ein temporäres Verfahren zur Lastumleitung bei der Auswechslung von Wänden in Altbauten. Dabei werden Nadelträger durch die bestehende Wand geführt und die Lasten über Jochträger und Spindelstützen auf eine Hilfskonstruktion umgeleitet. Nach dem Einbau des neuen Tragprofils werden die Lasten auf dieses übertragen und die Hilfskonstruktion entfernt.

Was ist eine Kapselpresse?

Eine Kapselpresse ist ein hydraulisches Werkzeug aus zwei verschweißten Stahlschalen, das durch Injektion von Flüssigkeit oder Mörtel expandiert wird. Sie erzeugt trotz geringer Einbauhöhe beträchtliche Kräfte und wird bei Unterfangungen, Baugrubenaussteifungen und zum Anheben von Bauteilen eingesetzt.


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Über den Autor: Bmstr. Dipl.-Ing. Edris Paknehad ist Gründer und Geschäftsführer der PAK Immobilien Bildungs GmbH. Als TU-Wien-Absolvent und erfahrener Baumeister mit Expertise in Infrastruktur, Wohnbau und Bauaufsicht bereitet er angehende Baumeister gezielt auf die Befähigungsprüfung vor.